Archiv für Mai, 2007

Berlin ist ein Brett

Mit meinem Schrankteil, das war so.

Ich frisch eingezogen und will nach siebenmonatiger Abstinenz wieder einen Kleiderschrank haben. Wieder sagen können: ich weiß nicht, was ich anziehen soll. Typisch Frau eben. Aber wer macht nicht mit? Genau, mein Kleiderschrank, der auf den wunderschönen Namen „Aspelund“ hört. Das Ikeaprodukt macht nicht mit, weil ihm ein Teil fehlt. Die linke Flanke, um genau zu sein. Erst Verwirrung, dann Verzweiflung. Wohin kann eine 200 mal 50cm große Schrankwand schon hin verschwinden? Vielleicht in dem Keller vergessen, in dem Aspelund in den letzten Monaten sein Dasein gefristet hat?

Abends besuche ich eine Designausstellung. Man ist ja in Berlin, man braucht ja junge Kunst. Doch zwischen Röhrenringeljeans, einem aufblasbaren Antikriegspanzer und Fußballtischtennisplatten geht mir Aspelund und sein fehlendes Seitenteil nicht aus dem Sinn. Da bin ich seit 2 Tagen wieder in Berlin und habe schon etwas verloren. Nicht sehr vielversprechend.

Später am Abend, starker Regen. Die Straßenbahn ist voll. Fahrradschiebende Stylo-Punker, deren Frisur nicht nass werden soll. Der Klischee-Kampfhund ist nicht dabei. Man trägt viel Kajal, hier oben am Prenzlauer Berg. Je weiter die Tram fährt, desto weniger Kajal ist zu sehen. Dafür nimmt die Lidltütendichte zu. Wie auch der Biergeruch.

Ich kehre zum Tatort zurück, da, wo Aspelunds Seitenteil zum letzten Mal gesehen wurde. Und ich traue meinen Augen nicht: gegenüber des Hauseingangs, an die Wand gelehnt, steht es. 200 mal 50cm Ikeafurnierholz, ganz nassgeregnet. Glücklicherweise nicht mit Grafitti besprüht und augenscheinlich auch von keinem Kampfhund angekackt. Ein kleines Wunder in Berlin.

Es ist 22:30 Uhr und ich und Aspelunds Seitenteil feiern unser Wiedersehen. Dann fahren wir zusammen U-Bahn und erregen Aufsehen. Aber nur ein ganz kleines bißchen. Das letzte Stück müssen wir wieder laufen. Es regnet immer noch, aber es ist trotzdem warm. Es riecht nach nasser Sommerstadt. Fast möchte ich meine Schuhe ausziehen und auf den Pflastersteinen der Tageswärme nachspüren. In einer Eckkneipe freut sich eine Menschentraube über Bier und Bionade und auf den Feiertag. Vom Inder nebenan wehen Gerüche herüber, die Erinnerungen wecken. Aber nur eine leise Sehnsucht. Da merke ich, durchnässt und mit einem großen Brett unterm Arm mitten auf der Straße stehend, dass ich angekommen bin. Da, wo ich hinwollte.

Vor lauter Freude darüber trägt sich Aspelunds Flanke ganz leicht. Trotzdem bringen wir uns in der Postbank-Filiale noch in eine peinliche Situation, nämlich eingekeilt zwischen Geldautomat und Tür. Es geht nicht weiter. Ein blondierter Anzugträger, so ein sympathischer Mitte-Schnösel, hilft uns aus der Patsche. „Gerade eingezogen?“ fragt er, ich nicke. Er: „Na dann einen schönen Feiertag. Und willkommen in Berlin. Sie mit ihrem Brett.“

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Culture Shock reversed

Donnerstag, 03. Mai, 7:10 Uhr – Innerer Monolog

So, what’s going on here? Habe heute morgen noch keine Kuh gesehen. Ganz schön sauber hier. Man könnte Daal Bhat vom Boden essen. Aber wo sind denn alle? Es ist so leer. Vielleicht ein Feiertag? Oder Bandh? Warum hupt denn niemand? Irgendwie…bin ich geschrumpft oder warum sind auf einmal nicht mehr alle kleiner als ich? Und wo sind die Berge hin? Weird. Toilette zum Sitzen…eine Rolltreppe…Passkontrolle, aber klar doch. Also mein Visum ist gültig bis zum…wie, ich kann einfach durch? Da wackel ich doch zufrieden mit dem Kopf. Warum schaut der Herr in beige so komisch? Hm, vielleicht hat er Magenprobleme. Oh, ich glaube, das ist mein Rucksack. Schon da, das ging aber schnell. Und jetzt…Taxi? Von hier nach Lorsbach, vielleicht 300 Rs.? Äh…Dai?!? Da winkt jemand…die kenne ich! Die ist mit mir verwandt! Die nimmt mich mit! Sie fährt zwar auf der falschen Seite, aber dafür kann man in dem Auto die Beine ausstrecken. Und kann die schnell fahren! Ok, sind ja auch keine Lastwagen da, keine Rikschas, keine Tuk-Tuks, keine Baugruben, Überschwemmungen oder Wasserbüffel. Was sagt denn der Meter? HR3? Was soll das denn sein? Man wird auch immer übers Ohr gehauen. Sogar zu Hause. ZU HAUSE! Mensch, ich bin wieder da. Namaste German(y).

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