Ganges View

Ganges ViewDie Stufen sind von der Hitze des Tages noch so warm, dass man kaum darauf sitzen kann. Ich schluerfe den Saft aus meiner kokosnussartigen Frucht, der irgendwie seltsam schmeckt, aber erfrischend ist. Es ist halb neun und immer noch sehr heiss. Der Schweiss laeuft. Vor mir steht eine schneeweisse Kuh und weiss nicht so recht, ob sie weiter einfach nur im Weg herumstehen oder den schmaechtigen Inder treten will, der ihr mit einem Stoeckchen in den knochigen Hintern piekt.

Ich wuerde gerne in den Ganges springen, um mich abzukuehlen, aber ich weiss, dass das Wasser erstens bruhwarm und zweitens annaehernd toxisch ist. Mehrere Fabriken leiten ihr giftiges Abwasser ungehindert in den heiligsten Fluss Indiens. Die Anwohner sind ebenfalls nicht zimperlich mit der Entsorgung ihres Abfalls. Der Dreck scheint sie auch nicht wirklich zu stoeren. Sie baden sich und waschen ihre Kleider im Ganges. Es gibt sogar einen Schwimmclub in Varanasi. Heiliges Wasser ist nun mal heiliges Wasser.

Am Flussufer ist die Abend-Pooja in vollem Gange. Kleine Schreine mit Gottheiten stehen auf erhoehten Podesten. Priester in goldenen Gewaendern vollfuehren rituelle Gesten, schwingen Fackeln, singen und produzieren Rauschschwaden. Eine grosse Menschenmenge hat sich am Ufer versammelt und sieht zu, haelt ein Abendschwaetzchen, trinkt Tee, knabbert Kartoffelsnacks, piekst Kuehe, nervt schwitzende Touristen oder nimmt ein abendliches Bad. Die Szene ist in warmes Licht getaucht umd es herrscht eine lebendige und spirituelle Athmosphaere.
Varanasi (auch: Benares) ist ein jahrtausendealtes Pilgerzentrum und wahrscheinlich die heiligste Stadt des Subkontinents. Mehr als eine Million Pilger kommen jedes Jahr, in der Mehrheit Hindus, aber auch fuer Buddhisten und Jains ist Varanasi wichtig. Im Mittelpunkt steht der Fluss, dessen Wasser von Suenden befreit. Wer in Varanasi stirbt und verbrannt wird, entgeht der Wiedergeburt. Das Flussufer ist von Tempeln und Ghats – ausladenden Stufen, die zum Wasser fuehren – gesaeumt. In den fruehen Morgen- und Abendstunden wird die Pooja – ein Gebetsritual – zelebriert, mit viel Pomp und Brimborium oder sehr persoenlich und individuell. Kleine Teller mit Blumen und einer Kerze treiben dann auf dem heiligen Wasser…
Eine reich geschmueckte Inderin unterbricht meine Gedanken. Sie haelt mir ihren nackten, wohl genaehrten Saeugling entgegen, und will, dass ich ihn halte, waehrend sie ein Foto von mir macht. Ich bin etwas verwirrt und lehne dankend ab. Ich will eigentlich nicht in fremden Familienfotoalben vergilben. Und irgendwann fragt der erwachsene Wonneproppen seine Eltern, warum sie eigentlich damals dieses schreckliche Foto mit der verschwitzten Europaerin gemacht haben…
Auch Kerstin hat inzwischen Gesellschaft bekommen. Ein achtjaehriger Geschaeftsmann mit Schlaghose und halboffenem Hemd will ihr einen Henna-Malkasten andrehen. Kerstin sagt, dass sie keine Ahnung hat, was sie damit anfangen soll. Der Junge malt ihr fix eine kleine Blume auf die Hand. Kerstin wird langsam aber sicher schwach, nicht, weil die Blume so schoen ist, sondern weil der Junge einfach clever mit seinem Laecheln blitzt. Am Ende ist sie um 100 Rs aermer und einen Henna-Malkasten reicher. Der Junge strahlt. Seine Kumpels riechen fette Beute und wollen, dass ich auch etwas kaufe. Waere ja nur fair. Da ploetzlich hat die Kuh eine Entscheidung getroffem und hievt mit einem volltoenenden Muhen ihren Koerper die Treppen hoch.
Wir treffen auch eine Entscheidung und hieven – ohne Muhen – unsere nicht ganz so schwabbeligen aber doch sehr mueden Koerper in Richtung Guest House. Morgen frueh wartet eine Bootsfahrt auf dem Ganges. Hoffentlich fallen wir nicht rein. Da will ich doch lieber meine Suenden behalten…schliesslich gibt es andere Mittel und Wege, sie los zu werden.

Kommentar schreiben