Archiv für April 20, 2007

Oh, Calcutta…

Bullen in White„Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine…“ heisst es in einem Schlager von 1959. Zwar geht es in darin weniger um einen angemessenen Staedtevergleich, sondern vielmehr um eine gewisse Madelaine (reimt sich auf Seine), aber die Assoziation von Kalkutta mit Paris ist gar nicht mal so abwegig. Kalkutta – oder Kolkata, wie es seit 2000 korrekt heisst – ist moeglicherweise die europaeischste Stadt Indiens.

Steht man am Victoria Memorial, einem britischen Prunkdenkmal, das aussieht wie eine Mischung aus Taj Mahal und St. Paul’s Cathedral, umgeben von gepflegten Rasenflaechen und Teichen, sieht nicht weit davon den Ganges glitzern und die Spitzen einer neogotischen Kirche hinter Baeumen hervorlugen, dann braucht man nicht viel Phantasie um sich nach London zu versetzen. Dann ist der Ganges die Themse. Das europaeische Vermaechtnis ist ueberall zu sehen, mal hervorragend in Schuss, mal nur noch als Erinnerung an vergangene Pracht. Ende des 17. Jahrhunderts haben die Briten die Stadt als Handelsposten gegruendet und sie spaeter zu ihrer Hauptstadt in Britisch-Indien erkoren. Erst 1911 wurde der Sitz der Regierung nach Delhi verlegt.

Das Klima in Kolkata ist natuerlich nicht gerade europaeisch. Es ist so heiss, dass selbst die Steine und Fossilien im Indischen Museum zu schwitzen scheinen und die Verkehrspolizisten mit Sonnenschirmen herumlaufen. Auch die offensichtliche und jaemmerliche Armut auf den Strassen erinnert daran, dass Indien trotz sensationeller Entwicklung immer noch ein armes Land ist. Menschen liegen ohne Kleidung auf den verschmutzten Strassen, waehrend Passanten ueber sie hinwegsteigen. Bettelnde Behinderte, Frauen und Kinder sind allgegenwaertig.

Kalkutta liegt am Ganges, Kathmandu liegt am Bagmati…abgesehen vom Anfangsbuchstaben haben die beiden Staedte aber wenig gemeinsam. Im Vergleich zu Kolkata ist Kathmandu geradezu provinziell und rueckstaendig. Waehrend Tempelarchitektur in Kathmandu eine Zeitreise in die Vergangenheit ermoeglicht, sind in Kolkata die Zeichen der globalen Moderne nicht zu uebersehen. Glitzernde Shopping Malls, McDonalds und Pizza Hut, I-Pod-Kopfhoerer in den Ohren der jungen und stylischen Inder, eine Internetverbindung, die den Namen verdient und eine Telefonverbindung ohne 3 Sekunden Verzoegerung – fuer die Nepalreisenden war die Ankunft in Kolkata wie eine kleine Rueckkehr in die Zivilisation. Man moechte sich fast aergern, dass man sich wegen des McDonald’s Logos ein bisschen wie zu Hause fuehlt. Aber dann gesteht man sich zaehneknirschend ein, eben ein Globalisierungskind zu sein. Und man kauft westbengalische Suessigkeiten in der Bude um die Ecke, um dem Global Player ein Schnippchen zu schlagen, auch um den Preis eines Zuckerschocks.

Oh, Calcutta…ich koennte noch ein Weilchen bei Dir bleiben, aber Varanasi ruft…

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