Archiv für April 17, 2007

Sonnenaufgang Nr. 3

Man koennte meinen, wir haetten schon genug Sonnenaufgaenge im Gebirge gesehen – aber alle guten Dinge sind schliesslich drei, und so wussten wir in Darjeeling nichts anderes mit uns anzufangen, als um 4 Uhr morgens in einen Jeep zu klettern um von 2200m auf 2600m in die Hoehe gekarrt zu werden und dort mit einem pappsuessen Tee in der Hand und einem kleinen Kreis von ca. 500 anderen auf die Sonne und vor allem den Mount Everest zu warten. Angeblich sieht man den von Darjeeling aus. Natuerlich nicht an diesem Morgen, denn einer grosse Wolke beliebte es, sich vor den hoechsten Berg der Welt und die anderen Achttausender drumherum zu pflanzen. Aber wir haben beschlossen, allen zu erzaehlen, dass wir den Mount Everest gesehen haben. Die Wolke bleibt unser kleines Geheimnis.

Poon HillDas war also Sonnenaufgang Nr. 3. Wo ist eigentlich Nr. 2 geblieben? Ja, das nutze ich jetzt dramaturgisch geschickt fuer einen kleinen Rueckblick auf unseren achtaegigen Oster-Trek im Annapurna-Gebiet. Sonnenaufgang Nr. 2 erreignete sich naemlich auf 3200m Hoehe, Poon Hill. Los ging es um viertel vor fuenf, in einem atemberaubenden Tempo 600m steil bergauf, auf nuechternen Magen. Da macht sich die Hoehe schon bemerkbar. Man keucht, als waere man 60 Jahre aelter und wuerde gerade versuchen, den Eiffelturm hochzusteigen. Oben dann das uebliche – viele Leute, die „ah“ und „oh“ schreien, wenn sich die Sonne blicken laesst und ein atemberaubenden und diesmal auch sichtbares Gebirgspanorama – mit Annapurna I und Daulaghiri, beide unter den Top 10 der hoechtsten Berge der Welt – mit 8167m (7.) und 8091m (10.).

Der Trek war absolut genial. Beeindruckende Landschaft, nette Leute (wie ueberall in Nepal), dazu die Bewegung an der frischen Luft, nach drei Monaten Buerogefaengnis. Der Jomsom Trek ist einer der beliebtesten Treks in Nepal und entsprechend gut ausgebaut. In jedem Dorf gibt es Lodges und Hotels und mindestens eine „German Bakery“ – deren Zimtschnecken und Apfelfstrudel so deutsch sind wie eine Pizza von Pizza Hut italienisch, aber doch ganz schoen gut schmecken, nach durchschnittlich sechs Stunden Berge kraxeln. Eigentlich muesste es auch Boulangerien geben, denn die Franzosen stellen die staerkste Gruppe der Annapurna-Trekker: 2700 in 2006, gefolgt von 2000 Israelis und 1900 Deutschen. Ueber Ostern waren es natuerlich besonders viele Deutsche und am Ostersonntag schallte es „Frohe Ostern“ aus allen Richtungen. Wir haben ein hartgekochtes Ei nach Muktinath hochgetragen (3300m), ein wichtiger Pilgerort fuer Buddhisten und Hindus. In Sichtweite des Tempels wurde das notduerftig verzierte Ei dann verspeist – zusammen mit Buchweizenpfannekuchen und Sanddorn-Tee. Willkommen im multireligioesen Reformhaus Nepal.

Und wieder Zeitsprung. Nach 24 Stunden Bus- Rikscha- und Jeepfahrt sind wir in Darjeeling angekommen. Wir hatten kaum Zeit, Nepal zu vermissen, da waren wir schon wieder im Gebirge, schon wieder gab es Momos und vertraute Gesichter und Laute auf der Strasse. Darjeeling hat naemlich mal zu Nepal gehoert und hat bis heute eine grosse nepalesische Bevoelkerung. Und was macht man in Darjeeling? Natuerlich Tee trinken. Und zusehen, wie er gepflueckt wird. Farbenfroh gekleidete Frauen zupfen mit geschickten Fingern die obersten Blaetter der Teebuesche ab. Sie muessen 6 bis 8 kg am Tag abliefern, um ihr Gehalt von knapp 50 Rs zu bekommen, das ist weniger als ein Euro und knapp unter dem indischen Mindestlohn. Der beste Tee entsteht aus der ersten Ernte im April, weil fuer sie keinerlei Duengemittel und Pestizide verwendet werden. Die Blaetter werden erst getrocknet, auf exakt 26 Prozent ihres Fluessigkeitgehalts, dann gerollt und fermentieren anschliessend. Danach ist der Tee fertig und wird nach Feinheit bewertet – insgesamt gibt es vier Qualitaetsstufen. Natuerlich kann man den Premiumtee auch direkt auf der Plantage probieren. Er hat eine goldene Farbe und schmeckt natuerlich suess. Es reicht, die Blaetter 5 Sekunden ziehen zu lassen, und schon ist der Tee fertig. Natuerlich haben wir uns Tee aufschwatzen lassen – zu touristenmaessig uebertriebenen Preisen, naemlich den fuenffachen Tageslohn einer Teepflueckerin fuer 100g.

Und wieder ein Zeitsprung. Kolkata (Calcutta), 24 Stunden und eine angenehme Fahrt mit dem Nachtzug spaeter, 20 Grad waermer. Wir fuehlen uns wie Rueckkehrende in die Zivilisation – Taxis mit Beinfreiheit, Grosstadtfeeling und eine schnelle Internetverbindung. Kolkata hat 13 Millionen Einwohner und damit mehr als die Haelfte aller Nepalis (20 Millionen). Mehr aus Kolkata in den naechsten Tagen.

Ach ja: der erste McDonalds seit dreieinhalb Monaten.

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