Seit ungefähr drei Wochen wohnt Ranjit im Hyatt Regency. Warum? Weil die Maoisten seinen Wagen geklaut, seinen Wächter verprügelt, sein Haus besetzt und Ranjit persönlich bedroht haben. Und weil das Hyatt nun mal nicht nur eines der besten Hotels in der Stadt ist, sondern außerdem rund um die Uhr bewacht wird, wohnt er jetzt dort.
Ranjit ist jemand, den ich zu Hause niemals kennen lernen würde, geschweige denn wollte. Aber hier in Kathmandu kommt man als westliche Ausländerin mit der „High Society“ recht schnell in Kontakt und hat gerade noch Zeit sich zu wundern, in welche Kreise man da geraten ist, da wird auch schon der Edelwein und das First-Class Gemüse aufgetischt – natürlich auf Kosten des Einladenen, in diesem Fall Ranjit.
Ranjit ist Anfang 30, aus einem reichen indischen Elternhaus und in Kanada aufgewachsen. Mit 19 hat er sich freiwillig zur kanadischen Armee gemeldet, weil seine Freundin einen Mann in Uniform zum Partner haben wollte, behauptet Ranjit. Er sei in Ruanda und in Yugoslawien gewesen. Mit ein bißchen Bier intus erzählt er von sterbenden Soldaten unter seinem Kommando und von seinem tiefen Trauma seitdem. Ja, Ranjit gibt auch gerne ein bißchen an. Und vielleicht stimmt das auch gar nicht, wer weiß. Der Kriegsversehrte Ranjit jedenfalls scheint in Zivil ein recht erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Er richtet Call Center ein, überall dort auf der Welt, wo Löhne billig sind. Einer der viel beschworenen Gewinner der Globalsierung sozusagen. Seit einem Jahr ist Ranjit in Nepal. Er betreibt auch hier ein Call Center und hat 150 Angestellte, denen er sich zutiefst verpflichtet fühlt, wie er sagt. Soso. Die Erpressungsgelder der Maoisten will er aber nicht zahlen. Nach den ersten Bedrohungen hat sich Ranjit an die Presse und an die kanadische Botschaft gewandt, das hat die Sache aber nur verschlimmert. Die Polizei unternimmt nichts. Und deswegen sitzt Ranjit jetzt im Hyatt. Zugegeben nicht die schlechteste aller Unterkünfte. Von dort telefoniert er nachts mit seinen Geschäftspartnern in aller Welt und brütet über die Zukunft nach. Das Geschäft aufgeben und irgendwo neu anfangen? Was wird dann aus seinen 150 Angestellten, denen Ranjit bisher ihr Gehalt weiter bezahlt, wie er sagt? Um ganz ehrlich zu sein, mag ich Ranjit nicht besonders. Er ist ein kleiner Großkotz, wenn auch hilfsbereit und großzügig. „Work hard, party hard“ ist sein Motto.
Aber wie immer gibt es eine andere Seite. Call Center sind in Nepal eigentlich illegal, keine Ahnung, warum. Trotzdem gibt es sie und ihre Besitzer verdienen offenbar ordentlich Kohle, dafür ist Ranjit ja das beste Beispiel. Weil diese Call Center aber am Rande der Legalität operieren, haben die Angestellten ihren Arbeitgebern gegenüber eine ziemlich schwache Postition. Die gönnerhafte Haltung seinen 150 Leuten gegenüber, die Ranjit so gerne raushängen lässt, entspricht den Machtverhältnissen. Und da kommen die Maoisten ins Spiel. Sie erpressen Ranjit, ok. Aber vielleicht geht es dabei um eine angemessene Bezahlung und Arbeitsverhältnisse der Angestellten und nicht um reine Willkür? Das ist schwer einzuschätzen. Vielleicht sind die Maoisten die einzigen, die bereit sind, gegen eine Ungerechtigkeit vorzugehen, die die eigentlich Verantwortlichen ignorieren, dulden und sogar höchstwahrscheinlich selbst davon profitieren?
Ich finde es dennoch erschreckend, dass die Maoisten einfach so, mitten in Kathmandu, ein Haus besetzen und Ranjit bedrohen können, ohne dass irgendjemand etwas unternehmen kann oder will. Und wenn Ranjit bezahlt…wer weiß, wo das Geld dann landet? Möglicherweise nicht bei den 150 Call-Center Angestellten, sondern auf Prachandas Konto, damit der hochverehrte Anführer die Ausbildung seiner Kinder im Ausland finanzieren kann. Oder damit man neue Waffen anschaffen kann…es sind ja so viele von den Flüssen davongespült worden, nicht wahr?
Soweit wir wissen, hängt Ranjit weiterhin im Hyatt ab. Ab und zu ruft er an und möchte, dass wir zum Essen kommen. Also eigentlich möchte er, das Kerstin zum Essen kommt. Unser Call-Center Boss hat nämlich ein Auge auf Kerstin geworfen und überhäuft sie mit nicht besonders abwechslungsreichen Komplimenten. Und mit Schmuck, wenn ich mal kurz wohin verschwinde. Kerstin jedenfalls lässt sich davon nicht besonders beeindrucken. Vielleicht sollte er es mit der Strategie bei den Maoisten versuchen? Ein freundliches Wort und ein Geschenk können manchmal Wunder bewirken.



