Archiv für März 6, 2007

Same, same – but different?

Zwischen Nepal und Indien gibt es einen Zeitunterschied von 15 Minuten. Warum? Weil Nepal nicht Indien ist. Das ist ganz wichtig und offenbar eine Viertelstunde wert.

Nepal ist ein kleines Land, etwa zweimal so groß wie Bayern. Und von drei Seiten von Indien umgeben. Die beiden größten Städte Indiens, Mumbai und Delhi, haben zusammen mehr Einwohner als Nepal. Kein Wunder, dass die Nepalesen da leichte Komplexe kriegen. Sie mögen Inder nicht besonders. Oft hört man Sätze wie: „Ich habe eigentlich nichts gegen Inder, aber…“ Die Madheshee (s. vorherige Berichte), werden unter anderem deswegen diskriminiert, weil sie indische Vorfahren haben.

Woran liegt das? Inder und Nepalis verbindet eine jahrhundertelange Interaktion, religiöse, sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten. Die 1850km lange Grenze zwischen beiden Staaten ist noch nicht besonders alt (1816) und war immer offen. Indien ist so ziemlich das einzige Land, in das Nepalis einfach so ohne Visum einreisen können. Sie dürfen sich dort niederlassen und arbeiten. Gleiches gilt umgekehrt für Inder. Von dieser Möglichkeit wird auch ausführlich Gebrauch gemacht.

Es ist das typische Problem eines kleinen Landes mit seinem großen Nachbarn. Man will sich abgrenzen, sich der eigenen Identität versichern. Auch, wenn die vielleicht gar nicht bedroht ist. Nepalesische Nationalisten werfen Indien vor, das Land wirtschaftlich zu dominieren und annektieren zu wollen. So wie Indien 1975 Sikkim, östlich an Nepal angrenzend, annektiert hat. Royalisten behaupten außerdem, dass Indien die Maoisten unterstützt hat, um das Königtum zu schwächen und dann das Land zu besetzten. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Inder die lächerliche Büschelkrone des Königs nicht mehr sehen konnten.

Nepal kann nicht ohne Indien, Indien kann aber durchaus ohne Nepal. Es ist ein bißchen wie mit Deutschland und Tschechien. Rund 70 Prozent des nepalesischen Handels findet mit Indien statt, wobei Nepal wesentlich mehr importiert als exportiert. Das Handelsbilanzdefizit steigt von Jahr zu Jahr… Indische Produkte sind überall – vom Benzin in den Tanks, den Autos auf den Straßen, dem Zement in den Häusern, den Maschinen in den Fabriken, dem Zucker im Tee und dem Salz im Daal Bhat. In Nepal gibt es zwar auch industrielle Produktion, aber die ist so teuer, dass indische Produkte im Vergleich einfach konkurrenzlos billig sind. Und es ist auch nicht gerade hilfreich, dass durch Streiks und Blockaden die Produktion in Nepal einfach mal ein paar Wochen still steht.

Das einzige Produkt, das Nepal anzubieten hätte, ist Wasserkraft. Das Land hat ein enormes Potenzial in diesem Bereich und könnte locker genug Energie für den eigenen Bedarf und zusätzlich für den indischen Markt produzieren. Aber hier ist der Konjunktiv der Schlüssl zum Dilemma. Die Konstruktion und Instandhaltung von Staudämmen und Wasserkraftwerken kostet nicht nur viel Geld, sondern erfordert auch stabile politische und wirtschaftliche Verhältnisse. Indien engagiert sich zwar stark in diesem Bereich und stellt Gelder zur Verfügung, schon aus Eigeninteresse, wird dabei aber von Nepal so misstrauisch beäugt, dass entsprechende Projekte über Jahre und Jahrzehnte in der Luft hängen und nicht zum Abschluss kommen. Kommissionen und Kommittees verhandeln um jede Kilowattstunde, gleichzeitig müssen die Interessen der Anwohner berücksichtigt werden. Auch deshalb wird es in Nepal nach einer aktuellen Studie wohl noch im Jahr 2012 mehrere Stunden Stromausfall am Tag geben.

Ende der 80er Jahre kam der König auf die großartige Idee, von China Waffen zu kaufen. Das war nicht besonders clever, denn Indien war deswegen so sauer, dass kurzerhand alle Handelsübergänge gesperrt wurden. Innerhalb kürzester Zeit kam es in Nepal zu Versorgungsengpässen. Die wirtschaftliche Notlage gab der Demokratisierungsbewegung enormen Auftrieb. Der König musste einer konstitutionellen Monarchie zustimmen. Das Bewusstsein der Abhängigkeit vom großen Nachbarn ist tief verwurzelt. Man wirft Indien vor, sich wie eine regionale Großmacht zu verhalten. Indien ist eine regionale Großmacht – ob sie die Rechte und Interessen Nepals verletzt, kann man diskutieren. Wahrscheinlich, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.

Wie gesagt, es ist ein bißchen wie mit Tschechien und Deutschland. Während die Tschechen immer ein aufmerksames Auge auf den großen Nachbarn haben, ist den Deutschen eigentlich egal, was in Tschechien passiert. Ebenso die Inder: die kommen in Scharen zum Urlauben und Handeln, aber sonst spielt Nepal keine große Rolle in der Politik. So lange China schön hinter dem Himalaya bleibt.

Same, same – but different? Das sagen Reisende, die von Indien nach Nepal oder von Nepal nach Indien kommen. Es soll dreckiger sein in Indien. Und billiger. Und eine Viertelstunde früher.

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