Archiv für März, 2007

FYI

Auf den TischDrei Monate sind um – die Praktikanten haben ihre Pflicht und Schuldigkeit getan. Am Freitag, 30.03.2007, um 15:15 endete die Dienstzeit. Davor gab es Apfelkuchen im Botschaftsgarten und der Kanzler hat die Sektkorken knallen lassen – einmal Brümmer, einmal Armanski. Die nächsten Praktikanten stehen schon auf der Matte. Ihre Vorteile: kürzere Sommerarbeitszeit, Feiertage (Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt), keine Kälte. Ihre Nachteile: Hitze und Vorgänger, die man erstmal übertreffen muss, was Kompetenz, Intelligenz, Charisma und Busyness angeht…;-)

Die Praktikanten verabschieden sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Aussichten sind jedenfalls gut:

  • 11 Tage trekken (Jomsom Trek)
  • Wolfgangs Hochzeit feiern
  • 2 Wochen Indien, ungefähre Route: Darjeeling – Kolkata – Varanasi – Agra – Jaipur – Delhi
  • Rückflug nach Deutschland: 2. Mai, Ankunft 3. Mai

Das nur so zur Info und zum neidisch werden.

Was die allgemeine Lage in Nepal angeht: politisch passiert so gut wie NICHTS, trotzdem kommen immer wieder Menschen in diversen Auseinandersetzungen ums Leben, in Regierungskreisen wird hin- und herverhandelt (heute auch wieder), ob und wie die Maoisten sich an einer Übergangsregierung beteiligen sollen, während der vorgesehene Wahltermin im Juni immer unwahrscheinlicher wird. Dafür gibt es wieder Benzin. Der König verschwindet von den Banknoten und wird durch Buddha ersetzt, in den nepalesischen Pass kommt von nun an der Mt. Everest. Der Tourismus boomt, zumindest scheint es so. Die Hotels und Restaurants sind voll. Und ohne Ende deutsche Touristen, die uns wahrscheinlich alle auf dem Trek begegnen werden *stöhn. Und wenn sie sich nicht an der Botschaft registriert haben, reden wir einfach mal nicht mit ihnen. No German, only Nepali.

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Freunde

Torte Der Name auf der Torte soll eigentlich Kerstin heißen, die ist nämlich am Samstag 25 geworden. Aber die Zuckerbäcker vom New Orleans Cafe hatten so ihre Schwierigkeit mit dem Namen, so dass die Schokobombe nun an einen Menschen namens „Qrutschin“ oder so ähnlich adressiert war. „Qrutschin“ ist aber den ganzen Abend nicht aufgetaucht, so dass wir die Torte dann eben doch gegessen haben. Sie hat locker für die ganze Geburtstagsgesellschaft gereicht – etwa 15 Personen (ohne „Qrutschin“).

Drei Monate, 15 Freunde – wann das mal keine schlechte Ausbeute ist. Im Folgenden ein paar kurze Portraits, nur so als Eindruck über die Leute, mit denen man als Botschaftspraktikantin in Kathmandu so abhängt.

SudeshUm dem Spender der Torte die Ehre zu geben, beginnen wir mit Sudesh. Sudesh ist Mitte 30 und der Besitzer des New Orleans, eines der besten Restaurants in Thamel. Sudesh spricht perfekt Englisch, trotzdem kann die Kommunikation mit ihm etwas schwierig sein, z.B. dann, wenn er einfach mal nicht auf Fragen antwortet. Jeden Sonntag Abend spielt er Gitarre, beim „Live Fusion Jazz“. Er moderiert durch den Abend und begrüßt die Gäste, die er persönlich kennt, mit Namen. Das sind ungefähr zwei Drittel. Sudesh ist nicht verheiratet, keine Freundin. Wahrscheinlich, weil er an Frauen einen genauso hohen Anpruch stellt wie an die Qualität des Essens. Nur zwei andere Restaurants können es mit dem New Orleans aufnehmen, sagt Sudesh. Man möchte ihm fast zustimmen.

MingmarMingmar kann nicht Gitarre spielen, hat aber dafür eine Reiseagentur und ein Auto, mit dem Sudesh und er durch die Gegend cruisen – und manchmal in Sanepa halten, um uns einzusammeln. Mingmar wohnt in der Nähe des Königspalasts, aber er will nicht zugeben, dass er mit dem ollen Monarchen auf Du steht – trotz wiederholter Unterstellungen unsererseits. Gerade baut Mingmar eine Software-Firma auf. Warum auch nicht, auf einem Bein kann man schließlich nicht stehen, geschweige denn laufen. Offenbar sind nepalesische Geschäftsleute nicht zufrieden, wenn sie nur ein Business haben. Mingmar ist auch nicht verheiratet, dabei finden wir, dass er ein super Familienvater wäre. Wahrscheinlich steht Mingmar eher auf westliche Frauen. Aber für die ist er einfach zu nett. LeserINNEN, ihr versteht, was ich meine.

Verlobt, aber noch nicht verheiratet, sind Wolfgang und Linda. Er arbeitet in der Registratur der Botschaft, will mit dem Rauchen aufhören und steht auf klassische Rockmusik. In seinem Garten gibt es einen Sai Baba Tempel. Morgens ist Wolfgang so muffelig, dass seine Akten gesprächiger sind. Sie arbeitet an der australischen Botschaft, ist demzufolge Australierin, verträgt Unmengen an Alkohol und hat einen 14jährigen Sohn, der zu ihrer Betrübnis mit tibetischen rich Kids abhängt und Unsinn abstellt. Bei einem Feuerzangenbowleabend im Januar haben Wolfgang und Linda ihre Verlobung verkündet. Seitdem laufen Wetten, ob sie „es“ nun tun werden oder nicht. Wolfgang wird in ein paar Wochen auf seinen neuen Posten in Uganda versetzt und Linda kommt mit. Hoffentlich.

RushmiDie Person, die Kerstin als erste gratuliert hat, war Rushmi. Da hatte sie schon einige Wodka intus, hat aber trotzdem noch kräftig mit uns reingefeiert. Rushmi röhrt mit einer rauchigen Rockstimme Freitagsabend in einer Bar. Sie spricht ein fast perfektes American English und will auch in den USA studieren. Bald. Irgendwo. Keine Ahnung was. Das wird ein super Visa-Interview… Rushmis Freund hat einen Shop für Autoteile. Die beiden trennen sich und kommen wieder zusammen in regelmäßigen Abständen. Und da wäre noch der Besitzer der Bar, der Rushmi unübersehbar anhimmelt, wenn sie singt. Auch ein heißer Kandiadat? Das klingt jetzt nach ARD-Vorabendprogramm, ich weiß. In den USA lernt Rushmi dann einen Dot.com-Milliardär kennen, der sein Vermögen in Nepal investiert und alles wird gut. Das klingt jetzt nach Hollywood.

Thomas und AnjaNun zur Abwechslung mal wieder was Deutsches. Thomas. Thomas ist ziemlich groß, für nepalesische Verhältnisse ist er ein Gigant. Schuhe muss er importieren oder anfertigen lassen. Thomas arbeitet für die GTZ und hat noch zwei Wochen, um seine Doktorarbeit fertig zu machen (Geographie, FU Berlin). Sein Vergleichsland zu Nepal ist „Mongo“, die Mongolei, wo er vorher war. Er wohnt quasi „umme Ecke“ von uns in einem Riesenhaus mit blauen Fensterläden und viel Terasse. Zum Glück wohnt er da nicht alleine, sondern mit seiner Freundin, Anja. Anja wartet auf einen Referendariatsplatz in Berlin und unterrichtet in der Zwischenzeit in Nepal. Ich finde, das sollten alle deutschen Lehrer mal machen.

ElefantenrundeUnterrichtet haben auch unsere Elefantenfreunde, Noortje und Bram aus Holland. Die beiden waren „Volunteers“, d.h. sie haben für mit ohne Geld kleine Nepalis unterrichtet. Bram hat für die Vermittlung des Platzes durch eine Agentur sogar 1300 Euro abgedrückt. Tse, diese Holländer. Noortje isst mit Vorliebe Joghurt mit Früchten (Diät) und geht shoppen, während Bram auch mal einen ganzen Tag im Kaffeehaus vertrödelt und gar nichts macht. Oder er sitzt in der Badewanne in seinem Lieblingshotel, raucht Zigarillos und sieht fern.

DipeshDipesh werden wir ab dem 1. April (sein Geburtstag!) jeden Tag sehen. Er ist nämlich unser Guide für den Jomsom-Trek. Er hat alles organisiert, so dass wir nur noch hinter ihm her laufen müssen. Dipesh war mal Mr. Bakthapur (sein Heimatort), wie wir aus zuverlässiger Quelle wissen. Gut vorstellbar, mit seinen geölten glänzenden Haaren und schicken Kleidern. Er ist eher ein ernsthafter Typ und sehr zuverlässig. Ein Hund eben, so wie Kerstin und ich. Nach dem chinesischen Kalender haben wir nämlich alle drei das gleiche Sternzeichen (Jahrgang 1982, ab Februar). Drei Hunde on tour in den Bergen…das wird ein Hundsspaß, wau!

MatthiasDer Mensch, der garantiert als letzter die Party verlässt, heißt Matthias. Er hat erst mit 22 angefangen, Alkohol zu trinken (sagt er) und kann vielleicht deswegen nicht wirklich aufhören. Matthias war vor zwei Jahren sechs Monate als Referendar an der Botschaft. Matthias ist unser Praktikanten-Kummerkasten, denn er weiß, wovon wir reden :-) . Und es hat ihm so gut in Nepal gefallen, dass er als fertiger Jurist zurückgekommen ist. Er ist jetzt Entwicklungshelfer beim DED (Deutscher Entwicklungsdienst) und gerade bei einer nepalesischen Familie zum Intensiv-Sprachkurs. Matthias’ bevorzugte Foto-Pose: der Denker.

KabinaAuf Nepals Schönheitsfront trat an diesem Abend Kabina für die weibliche Seite an, eine Freundin von Daniela, die Kabinas Bruder kennen gelernt hat, als beide in Doha auf das Flugzeug nach Kathmandu gewartet haben. Der Bruder war diesmal auch dabei, denn anständige nepalesische unverheiratete Mädchen gehen abends nicht einfach mal so alleine weg. Auch, wenn sie 29 sind. Kabina macht eigentlich nicht viel. Sie kümmert sich um ihre alte Großmutter und will Kleidung entwerfen und schneidern – irgendwann mal, vielleicht. Ihr Bruder ist in Deutschland. Sie möchte ihn gern besuchen, auch, weil sie einen Herzfehler hat, der in Deutschland besser operiert werden kann. Leider gibt es keine großen Hoffnungen auf ein Visum – zu jung, zu unverheiratet, zu arbeitslos, zu hübsch. Wir würden Kabina gerne mit Mingmar verkuppeln, aber leider hat er (noch) nicht angebissen.

Und nun die Gruppe derjenigen, die wir nur oberflächlich oder gar nicht kennen, die aber trotzdem da waren…

- ein Engländer (Joe, Jack, John?), Fotograf, seit vielen Jahren in Nepal. Er vermisst seine Heimat nicht, nur das englische Bier. Ihr wisst schon, ohne Kohlensäure, Zimmertemperatur.

- Deepak, in dessen Hotel in Dulikhel wir auf der Fahrradtour übernachtet haben. Komischer Typ, ist gleich wieder gegangen.

- Ann, Belgierin, hatte am gleichen Tag Geburtstag. Auf der Suche nach einem großen Nepali. Viel Erfolg…

…und diejenigen, die abwesend waren und mehr oder weniger vermisst wurden.

- Ranjit: ist immer noch im Hyatt

- Deepak: netter Trekkingladenbesitzer, der einen 12jährigen Rikschafahrer bei sich aufgenommen hat und ihm die Schulausbildung bezahlt. Deepak verkauft uns seine Sachen zum Nepali Price, was sehr freundlich von ihm ist. Leider war Deepak an dem Abend krank.

- Shree: haben halb mit seinem plötzlichen Auftreten gerechnet. Aber er ist wohl doch lieber in Spanien geblieben, auch wenn es hier inzwischen wohl genauso warm ist wie dort.

- Daniela: wurde schmerzlich vermisst, das professionelle Geburtstagsständchen hätte den Abend perfekt gemacht

- „Qrutschin“: kennen wir nicht, aber wir haben seine/ihre Torte gegessen

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Royalistische Verschwörung

Prachanda bekommt einen Anruf von seiner Frau.

Sie: „Du, Pushpa-Bär, ich muss Dir was sagen!“

Er: „Ja, was ist denn los, Genossin Ehefrau?“

Sie: „Ich bin schwanger…“

Er: „Da steckt bestimmt der König dahinter!“

;-) Ein weiterer Grund für die Einführung der Republik.

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The Art of Bandha

BandhUm es einfach mal gesagt zu haben: manchmal spinnen sie, die Nepalesen. Vor allem, wenn sie streiken, einen Bandh abhalten. Das machen sie in letzter Zeit immer häufiger. Bei einem Bandh ist immer irgendetwas geschlossen, das ist auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes. Bandhs werden angekündigt oder treten spontan auf, aus ganz unterschiedlichen Günden. Machmal weiß auch einfach niemand, warum eigentlich gestreikt wird. Aber es fahren auf einmal keine Taxis und Busse mehr und auf den Straßen hängen Jugendliche ab, die mit Steinen und Stöcken rumfuchteln. Früher oder später zündet jemand Autoreifen an, denn das erregt Aufmerksamkeit und sieht gefährlich aus. Und erhöht das Krebsrisiko der Umstehenden um 100%.

Heute ist Bandh, weil die Maoisten einen Hotelier verprügelt haben, der seine Erpressungssumme nicht zahlen wollte. In Reaktion darauf hat die „Business community“, vertreten durch die Federation of Nepalese Chamber of Commerce and Industries (FNCCI) aus Protest einen unbefristeten Bandh erklärt. Infolgedessen wird heute in den Fabriken nichts produziert, in den Schulen wird nichts gelernt und auf den Straßen fahran kaum Autos. Ab und an fällt das Internet aus, das gehört angeblich auch zum Bandh.

Letzte Woche war ein lokaler Bandh, weil an einer Kreuzung in der Nähe der Botschaft ein Kind überfahren worden ist. Reaktion: Autoreifen anzünden und Stress schieben. Das macht das Kind aber auch nicht wieder lebendig. ImTerai, im Süden, ist auch wieder bzw. immer noch irgendwas los, jedenfalls gibt es wieder kein Benzin.

Manchmal gibt es auch einen Bandh gegen den Bandh. Einsichtige Nepalis geben zu, dass Bhands eigentlich ganz schön nerven können und nicht unerheblichen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, vor allem, wenn der Streik mehrere Tage oder Wochen andauert. Und wie bringt man seine Kritik am Bandh am besten zum Ausdruck? Na klar, mit einem Bandh! Der oberste Gerichtshof in Indien hat Bandhs schlicht und einfach verboten, weil sie den Alltagsablauf in erheblichem Ausmaß stören – anders als etwa eine normale Demo. Aber in Nepal gibt es keinen Obersten Gerichtshof, zumindest keinen mit genug Autorität und Glaubwürdigkeit. Zumindest nicht, bevor nicht gewählt wurde. Und bis dahin wird Wahlkampf betrieben – mittels Bandh.

Und dann gibt es noch die Fälle, von denen man nicht weiß, ob es sich um einen Bhand oder einfach nur um Normalität handelt. Zum Beispiel die 6 Stunden Stromausfall am Tag, im April sollen es 12 werden. Oder die Wasserversorgung. Roshana steht momentan immer mitten in der Nacht auf, weil die Wassergesellschaft behauptet, sie würde um 3 Uhr Wasser ins System pumpen. Und weil Roshanas elektrische Pumpe zu schwach ist, muss sie das per Hand machen – wie die meisten Nachbarn auch. Um drei Uhr gehen also überall die Lichter an und alle sind bereit. Und was kommt nicht? Natürlich, das Wasser. Ist das nun einfach gemein? Oder ein Zufall? Oder gar ein Bandh? In Nepal kann man nie wissen…

Bandhs können auch ansteckend sein. Ein Botschafts-Bandh wird in den Mittagspausen mit glänzenden Augen diskutiert, vor allem wenn die Sonne scheint. Warum sollen alle in Kathmandu in der Sonne auf nahezu verkehrsfreien Straßen schlendern und Eiscreme schlecken, während wir in der Botschaft sitzen und Akten stemmen? Ach ja, Beamte dürfen ja nicht streiken, schade. Aber Praktikanten, oder?

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Ein Typ namens Ranjit

HyattSeit ungefähr drei Wochen wohnt Ranjit im Hyatt Regency. Warum? Weil die Maoisten seinen Wagen geklaut, seinen Wächter verprügelt, sein Haus besetzt und Ranjit persönlich bedroht haben. Und weil das Hyatt nun mal nicht nur eines der besten Hotels in der Stadt ist, sondern außerdem rund um die Uhr bewacht wird, wohnt er jetzt dort.

Ranjit ist jemand, den ich zu Hause niemals kennen lernen würde, geschweige denn wollte. Aber hier in Kathmandu kommt man als westliche Ausländerin mit der „High Society“ recht schnell in Kontakt und hat gerade noch Zeit sich zu wundern, in welche Kreise man da geraten ist, da wird auch schon der Edelwein und das First-Class Gemüse aufgetischt – natürlich auf Kosten des Einladenen, in diesem Fall Ranjit.

Ranjit ist Anfang 30, aus einem reichen indischen Elternhaus und in Kanada aufgewachsen. Mit 19 hat er sich freiwillig zur kanadischen Armee gemeldet, weil seine Freundin einen Mann in Uniform zum Partner haben wollte, behauptet Ranjit. Er sei in Ruanda und in Yugoslawien gewesen. Mit ein bißchen Bier intus erzählt er von sterbenden Soldaten unter seinem Kommando und von seinem tiefen Trauma seitdem. Ja, Ranjit gibt auch gerne ein bißchen an. Und vielleicht stimmt das auch gar nicht, wer weiß. Der Kriegsversehrte Ranjit jedenfalls scheint in Zivil ein recht erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Er richtet Call Center ein, überall dort auf der Welt, wo Löhne billig sind. Einer der viel beschworenen Gewinner der Globalsierung sozusagen. Seit einem Jahr ist Ranjit in Nepal. Er betreibt auch hier ein Call Center und hat 150 Angestellte, denen er sich zutiefst verpflichtet fühlt, wie er sagt. Soso. Die Erpressungsgelder der Maoisten will er aber nicht zahlen. Nach den ersten Bedrohungen hat sich Ranjit an die Presse und an die kanadische Botschaft gewandt, das hat die Sache aber nur verschlimmert. Die Polizei unternimmt nichts. Und deswegen sitzt Ranjit jetzt im Hyatt. Zugegeben nicht die schlechteste aller Unterkünfte. Von dort telefoniert er nachts mit seinen Geschäftspartnern in aller Welt und brütet über die Zukunft nach. Das Geschäft aufgeben und irgendwo neu anfangen? Was wird dann aus seinen 150 Angestellten, denen Ranjit bisher ihr Gehalt weiter bezahlt, wie er sagt? Um ganz ehrlich zu sein, mag ich Ranjit nicht besonders. Er ist ein kleiner Großkotz, wenn auch hilfsbereit und großzügig. „Work hard, party hard“ ist sein Motto.

Aber wie immer gibt es eine andere Seite. Call Center sind in Nepal eigentlich illegal, keine Ahnung, warum. Trotzdem gibt es sie und ihre Besitzer verdienen offenbar ordentlich Kohle, dafür ist Ranjit ja das beste Beispiel. Weil diese Call Center aber am Rande der Legalität operieren, haben die Angestellten ihren Arbeitgebern gegenüber eine ziemlich schwache Postition. Die gönnerhafte Haltung seinen 150 Leuten gegenüber, die Ranjit so gerne raushängen lässt, entspricht den Machtverhältnissen. Und da kommen die Maoisten ins Spiel. Sie erpressen Ranjit, ok. Aber vielleicht geht es dabei um eine angemessene Bezahlung und Arbeitsverhältnisse der Angestellten und nicht um reine Willkür? Das ist schwer einzuschätzen. Vielleicht sind die Maoisten die einzigen, die bereit sind, gegen eine Ungerechtigkeit vorzugehen, die die eigentlich Verantwortlichen ignorieren, dulden und sogar höchstwahrscheinlich selbst davon profitieren?

Ich finde es dennoch erschreckend, dass die Maoisten einfach so, mitten in Kathmandu, ein Haus besetzen und Ranjit bedrohen können, ohne dass irgendjemand etwas unternehmen kann oder will. Und wenn Ranjit bezahlt…wer weiß, wo das Geld dann landet? Möglicherweise nicht bei den 150 Call-Center Angestellten, sondern auf Prachandas Konto, damit der hochverehrte Anführer die Ausbildung seiner Kinder im Ausland finanzieren kann. Oder damit man neue Waffen anschaffen kann…es sind ja so viele von den Flüssen davongespült worden, nicht wahr?

Soweit wir wissen, hängt Ranjit weiterhin im Hyatt ab. Ab und zu ruft er an und möchte, dass wir zum Essen kommen. Also eigentlich möchte er, das Kerstin zum Essen kommt. Unser Call-Center Boss hat nämlich ein Auge auf Kerstin geworfen und überhäuft sie mit nicht besonders abwechslungsreichen Komplimenten. Und mit Schmuck, wenn ich mal kurz wohin verschwinde. Kerstin jedenfalls lässt sich davon nicht besonders beeindrucken. Vielleicht sollte er es mit der Strategie bei den Maoisten versuchen? Ein freundliches Wort und ein Geschenk können manchmal Wunder bewirken.

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Jungle Deluxe

Impressionen aus dem Dschungel (Royal Chitwan National Park)

*** Grillenkonzert statt Hupkonzert *** Elefanten Safari *** Leopardenspuren im weißen Sand *** eine Wärmflasche im Daunenfeldbett *** Hotel-Transfer im Holzboot *** ganz viele Nashörner *** aber keine Krokodile *** dafür Holländer *** wie sich indische und afirkanische Elefanten unterscheiden *** Tee und Kaffee im frühen Morgennebel *** Bärenleckerli: Termitenhügel *** wie man vor einem Tiger flüchtet *** German Embassy discount gibt es überall *** die Geschwindigkeit eines rennenden Nashorns: 40 km/h *** Porridge und Rührei zum Frühstück *** Häuser mit Dächern aus Elefantengras *** graue Affengesichter zwischen Lianen *** ein schwerer Abschied und eine lange Busfahrt nach Hause ***

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