Archiv für Februar, 2007

Waffen-Maos

Soviel zum Thema: wir haben alle Waffen abgegeben! Prachandas Bodyguards bei einer öffentlichen Rede gestern in Nepalgunj.

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Wochenschau


Dienstag morgen, 8:13, Wetter: sonnig und vielversprechend, Strom: vorhanden

Die Fragen dieser Woche:

1. Werden die maoistischen Kämpfer zurück in ihre Camps gehen? Letzte Woche hatten sie nämlich keine Lust mehr, in ihren Contonements abzuhängen, wo sie nicht genug zu essen bekommen, wie sie sagen. Also haben sie zu Tausenden die Camps verlassen, um sich eine Arbeit zu suchen. Irgenwie verständlich. Gestern hat die Regierung beschlossen, dass jeder Kämpfer 60 Rupees am Tag erhalten soll. Das sind etwa 60 Cent. Da würde ich doch lieber auf die Bananenplantage gehen, wenn ich Maoist wäre.

2. Was macht eigentlich der König? Er hat letzte Woche anlässlich des „Democracy Day’s“ eine ziemlich freche Rede gehalten, in der er seine Machtübernahme 2005 verteidigt hat. Er habe die Demokratie retten wollen…seitdem regen sich alle über den König auf, der Ruf nach einer Republik wird lauter und man fragt sich, wie um alles in der Welt der König einfach so eine Rede halten kann, die dann alle als „verfassungswidrig“ erklären. Liest denn keiner die Reden vorher? Zur Strafe wird jetzt erstmal der königliche Besitz verstaatlicht. Naja, um den Palast ist es nicht schade (s. Foto).

3. Schummeln die Maoisten? Die UN hat 30.852 maoistische Kämpfer registriert – und 3.428 Schusswaffen. Das kommt so manchem ein bißchen wenig vor. Und was sagt Prachanda dazu? Natürlich: Alles Gerüchte und Verleumdnungen, von Royalisten und Revisionisten in die Welt gesetzt, um die Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung zu sabotieren. Und außerem habe die UN Granaten und socket bombs nicht mirgezählt, deswegen gebe es nur so wenig Waffen. Ach ja: die anderen Waffen wurden von Flüssen davon gewschwemmt. Huch, weg waren sie, die ganzen teuer importierten Knarren…Jungs, könnt ihr nicht besser aufpassen?

Was uns in dieser Woche beschäftigt:

  • Wann wird’s denn endlich Sommer?
  • Warum machen alle an der Botschaft Urlaub, nur die Praktikanten nicht?
  • Was machen wir morgen? Morgen ist Nepal Bandha, das Land wird dicht gemacht. Diesmal wird der Streik ausgerufen von der National Federation of Indigineous Nationalities, denen die Interimverfassung nicht passt. Da müssen wir wohl zu Hause abhängen.
  • Ob Daniela schon mal alles für das Momo-Restaurant in die Wege leiten kann, jetzt, wo sie wieder in Deutschland ist?

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Hari, fahr schon mal den Wagen vor!


Seit ein, zwei Wochen haben wir einen neuen Mitbewohner: Hari aus Nepalgunj. Hari sieht aus wie 15, ist aber 18, verheiratet und Vater. Hari haust in einer Kammer neben der Garage. Sein Essen kocht er sich über einem kleinen Feuer im Garten. Warum ist Hari da? Das haben wir noch nicht so ganz herausgefunden. Roshana sagt, dass sie ihm einen Job verschaffen will. Das hat bisher aber noch nicht geklappt, weil Hari nicht der klügste aller Menschen zu sein scheint. In der Zwischenzeit soll Hari ein bißchen das Haus bewachen, weil die beiden Hunde alles andere machen, nur nicht aufpassen. Sox schläft und Fuzzi (heißt wirklich so) hängt auf der Terasse ab und wird noch dreckiger, als er sowieso schon ist. Hari hängt nicht ab, er ist sogar ganz schön busy. Er öffnet und schließt die Garagentür, wenn Roshana weg fahren will. Er fegt die Einfahrt. Sie sieht jetzt ordentlicher aus als der gesamte Rest des Gartens. Hari hackt auch Holz, gerne Samstags morgens vor meinem Fenster. Wann und ob Hari jemals seine Familie besucht, wissen wir nicht. Nepalgunj ist ziemlich weit weg, nahe der Grenze zu Indien im Südwesten Nepals. Roshana sagt, sie bezahlt Hari für seine Arbeit und gibt ihm Essen. Außerdem vermutet sie, dass er sowieso nicht heiraten wollte. Seine Eltern haben die Heirat engagiert.
Hari mag vielleicht nicht der klügste sein, aber seine Anwesenheit ist ziemlich geheimnisvoll. Ein Heiratsflüchtling? Eine leicht auszubeutende Arbeitskraft für Roshana? Ein Arbeitssuchender, dem unsere Newari-Vermieterin helfen will, in ihrer Zugehörigkeit zur führenden ethnischen Gruppe in Kathmandu? Ein maoistischer Spion? Man weiß es nicht. Zumindest kann Hari kochen, auch ohne seine Frau. Emanzipation andersrum. Aber ich will’s nicht essen, was er da so brutzelt.

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Praktikantin trifft Maoistenführer

Prachanda und DelegationEine Praktikantin zieht das große Los und darf mitkommen zum Treffen mit Pushpa Kamal Dahal, besser bekannt unter dem Namen Prachanda, geheimnisvoller und charismatischer Anführer der Maoisten in Nepal. Warum? Weil die Deutsch-Südasiatische Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestags zu Besuch in Nepal ist. Man will Prachanda auf den Zahn zu fühlen. Das muss schließlich jemand mitschreiben und dazu gibt es Praktikanten.

Gespannte Erwartung herrscht im Konferenzraum des Yak& Yeti, eines der besten Hotels in Kathmandu. „Der Kämpferische“ – so die Übersetzung seines Nom de Guerre – kommt zu spät. Der Mann, dessen Existenz lange Zeit als nicht sicher galt, den man nur von Fotos kannte, in Guerillakluft und mit Maschinengewehr, ist zu einer Schlüsselfigur des Friedensprozesses geworden. Erst am Vortag ist Prachanda zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder öffentlich aufgetreten, anlässlich einer maoistischen Großveranstaltung zum Jahrestag des „People’s War“ – im Herzen Kathmandus. Und auf einmal steht er da, ganz unvermittelt. Eine guten Kopf kleiner als die Protokoll-Praktikantin, mit Pulli, Jackett und Schal sieht er aus wie ein gutbürgerlicher Universitätsdozent. Nur das braun gebrannte Gesicht verrät, dass dieser Herr eher weniger Zeit in einem Büro verbringt. Der Reihe nach stellen sich die Abgeordneten vor. Alle sind gekommen, schwarz, gelb, rot und grün. Und dunkelrot. Der Abgeordnete der Linken stellt sich vor und nennt seine Partei. „You are mine“ sagt Prachanda und lacht. Die Ausstrahlung des Vorsitzenden der Communist Party of Nepal ist enorm. Die Protokoll-Praktikantin ermahnt sich, diesem Mann nicht alles zu glauben. Er ist mitverantwortlich für 10 Jahre Blutvergießen, für Erpressungen, Folterung, Mord und die Rekrutierung von Kindern in die Nepalese People’s Army. Gleichzeitig bestechen viele seiner Ideen, gerade in einem so armen Land wie Nepal, in dem legitime politische und soziale Forderungen auf demokratischem Wege bis dato nur schwer Gehör fanden, wenn sie nicht den Wünschen der elitären Führungskreise entsprachen.

Also den Stift gezückt und aufgepasst. Es gibt royalistische Verschwörer im Land, die den demokratischen Friedensprozess sabotieren, sagt Prachanda. Wenn das so weiter gehe, müsse Nepal sofort zur Republik erklärt werden und nicht, wie vereinbart, auf das Votum der verfassungsgebenden Versammlung gewartet werden. Monarchie und Demokratie zusammen, das klappt in Nepal einfach nicht, glaubt der Maoist. Mitte der 70er hat Psuhpa Kamal Dahal die Politik entdeckt, gerade einmal zwanzig Jahre jung. Die Kulturrevolution in China hatte es ihm angetan. Seiner Mittelklasse Familie, als Brahmins an der Spitze der Kastenhierarchie, dürfte das nicht so gut gefallen haben. Einen Bachelor of Science in Agriculture soll Prachanda haben. Da kommt die Frage nach der Landreform von seiten der Linken gelegen. Den königlichen Landbesitz will Prachanda konfiszieren und an Bedürftige verteilen. Großgrundbesitzer sollen enteignet werden – soweit ein klassisches Programm. CDU, CSU und FDP intervenieren: wie sollen bitte ausländische Investoren angelockt werden, wenn sie um die Sicherheit ihrer Invesitionen fürchten müssen? Das weiß Prachanda offenbar auch nicht. Er spricht von Vertrauen, davon hänge alles ab. Und davon, Nepal wirtschaftlich endlich voran zu bringen – im Bereich der Wasserkraft und in der industriellen Entwicklung. Zustimmendes Nicken im Raum.

In einer Ecke des Raumes steht ein Bodyguard – mit grüner Militärhose, Schaftstiefeln und einer Gore-Tex Jacke, die nicht gefälscht aussieht. Ob die Maoisten wirklich friedlich bleiben werden? Ja, sagt Prachanda, wir wollen keine Gewalt mehr anwenden. Auch, wenn die Mehrheit der Nepalis im Sommer nicht für die Maoisten stimmt? Werden sie aber, antwortet Prachanda. Er ist überzeugt, die Wahlen zu gewinnen. Jedenfalls der Wahlkampf funktioniert, denkt die Praktikantin, das ist wie zu Hause. Und wenn die verfassungsgebende Versammlung nicht im Sinne der Maoisten entscheidet, wird diese Entscheidung dann akzeptiert? Die SPD lässt nicht locker. Ja, sagt Prachanda wieder. Aber man wolle auf die Straße gehen – friedlich – und verkünden, was an der Entscheidung falsch war. Aha, soso, denken alle Anwesenden. Sind wir jetzt schlauer?

Wie funktioniert eigentlich das deutsche Wahlsystem, will Prachanda auf einmal wissen. Man diskutiere ja gerade über Föderalismus und die gerechte Verteilung der Mandate und werde sich nicht so recht einig. Die Deutschen sollen mal aus ihrem Demokratie-Nähkästchen plaudern, bitte schön. Und die Abgeordneten plaudern. So lange, bis Prachanda wirklich verwirrt guckt. Bitte was, Überhangmandate? Die Protokoll-Praktikantin beißt auf den EU-Ratspräsidentschaftskuli, um nicht laut los zu lachen. Is ja auch egal, sagt der gründe Vorsitzende der Parlamentariergruppe, wir lassen ihnen mal ein paar Infos zukommen. Der Arme, denkt die Protokoll-Praktikantin. Oh nein, muss ich das machen? – denkt der Botschafter (vielleicht).

Und schon verschwindet „der Kämpferische“ wieder und hinterlässt eine beeindruckte, aber doch recht ratlose Delegation. Die CDU wendet sich an die Presse, die SPD geht rauchen, FDP und Linke diskutieren weiter, der Grüne erfüllt seine Pflichten als Vorsitzender. Die Protokoll-Praktikantin packt den Stift ein und freut sich, dabei gewesen zu sein.

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Kathmandu Department Store

Wir wohnen in einem Kaufhaus. Das Kaufhaus Kathmandu. Die Abteilungen sind Straßen. Am Durbar Square ist die Gemüse- und Haushaltswarenabteilung. Bäuerinnen breiten auf dem Boden ein Tuch aus und stapeln ihre Möhren und Blumenkohlköpfe zu waghalsigen Grünzeugtürmen. Hin und wieder wird die Ware abgestaubt, bei Stromausfalll kommt eine Kerze oben drauf. In der Fischstraße liegen die meterlangen Prachtexemplare auf der Theke, im hinteren Teil gammeln die weniger schönen Tiere. Selbst hartgesottenen Fleischfressern könnte bei den hiesigen Fleischwarenfachverküfern der Appettit vergehen. Frisch ist die Ware schon, sie blutet ja noch. Und auf dem Boden dampfen die Innereien. Dann doch lieber die Nase beim Gewürzhändler in die offenen Säcke stecken und ganz tief einatmen. Und dabei den Tigerbalsamverkäufer ignorieren. Überall sonst ist Gemischtwarenabteilung. Shop reiht sich an Shop, in den kleinsten passt gerade einmal der Verkäufer und seine drei Joghurttöpfe. Es gibt Läden für alles – für Kleinteile, für Glühbirnen, für Farbtöpfe, für getrocknete Früchte, für Fahrradschrott, für Kochgasflaschen, für…ich weiß nicht was. Bestimmt auch für Kontaklinsenlösung. Der Shop ist aber anscheinend gut versteckt.

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Update

Benzinschlange

So sieht es derzeit an den Tanksstellen und Kathmandu aus. Auto- und Motorradfahrer warten mehrere Stunden, nur, um dann lediglich 5 Liter pro Nase zu bekommen, weil die Ausgabemengen streng rationiert sind.

Aber es gibt Anzeichen für Entspannung. Die Madheshi-Aktivisten haben eine zehntägige Streik- und Demonstrationspause ausgerufen. Damit reagieren sie auf eine Vereinbarung der acht regierenden Parteien, die der Premierminister am Mittwoch in einer Ansprache verkündete:

  • Die Wahlkreise und die Anzahl der Mandate im Terai werden entsprechend der Bevölkerung vergrößert
  • Die 20 Distrikte im Süden, in denen 48.4 Prozent der Nepalis wohnen, erhalten nun 49 Prozent der Sitze in der verfassungsgebenen Versammlung
  • Alle benachteiligten Gruppen der Gesellschaft sollen propotional an den Staatsorganen beteiligt werden . Dazu gehören: Madheshi, Dalits (Unberührbare), Janajatis (Kastenlose), Frauen, Tagelöhner, Bauern sowie die Bewohner entlegener und stark unterentwickelter Regionen

Bisher sind in den Protesten im Terai 21 Menschen gestorben und hunderte verletzt worden. Offenbar war aber nur so die Regierung bereit, auf die berechtigten Forderungen eiunzugehen. Ob sich die Lage nun beruhigt, bleibt abzuwarten. Eine Frage steht nämlich immer noch im Raum: nämlich die nach einer Dezentralisierung des Landes. Die Madheshi und viele andere lokale Gruppen wollen ein föderales Staatssystem. Friedliche Proteste sollen weiter gehen. In einigen Distrikten haben bereits gestern die Läden wieder geöffnet. Die Leute können wieder auf die Straße gehen.

Hier noch ein Kommentar einer Kollegin: „Die sollen sich das gut überlegen mit dem Föderalismus. Am Ende haben sie den gleichen Stress wie wir.“ Kann mir gar nicht vorstellen, was sie damit meint…;-)

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