Mit meinem Schrankteil, das war so.
Ich frisch eingezogen und will nach siebenmonatiger Abstinenz wieder einen Kleiderschrank haben. Wieder sagen können: ich weiß nicht, was ich anziehen soll. Typisch Frau eben. Aber wer macht nicht mit? Genau, mein Kleiderschrank, der auf den wunderschönen Namen “Aspelund” hört. Das Ikeaprodukt macht nicht mit, weil ihm ein Teil fehlt. Die linke Flanke, um genau zu sein. Erst Verwirrung, dann Verzweiflung. Wohin kann eine 200 mal 50cm große Schrankwand schon hin verschwinden? Vielleicht in dem Keller vergessen, in dem Aspelund in den letzten Monaten sein Dasein gefristet hat?
Abends besuche ich eine Designausstellung. Man ist ja in Berlin, man braucht ja junge Kunst. Doch zwischen Röhrenringeljeans, einem aufblasbaren Antikriegspanzer und Fußballtischtennisplatten geht mir Aspelund und sein fehlendes Seitenteil nicht aus dem Sinn. Da bin ich seit 2 Tagen wieder in Berlin und habe schon etwas verloren. Nicht sehr vielversprechend.
Später am Abend, starker Regen. Die Straßenbahn ist voll. Fahrradschiebende Stylo-Punker, deren Frisur nicht nass werden soll. Der Klischee-Kampfhund ist nicht dabei. Man trägt viel Kajal, hier oben am Prenzlauer Berg. Je weiter die Tram fährt, desto weniger Kajal ist zu sehen. Dafür nimmt die Lidltütendichte zu. Wie auch der Biergeruch.
Ich kehre zum Tatort zurück, da, wo Aspelunds Seitenteil zum letzten Mal gesehen wurde. Und ich traue meinen Augen nicht: gegenüber des Hauseingangs, an die Wand gelehnt, steht es. 200 mal 50cm Ikeafurnierholz, ganz nassgeregnet. Glücklicherweise nicht mit Grafitti besprüht und augenscheinlich auch von keinem Kampfhund angekackt. Ein kleines Wunder in Berlin.
Es ist 22:30 Uhr und ich und Aspelunds Seitenteil feiern unser Wiedersehen. Dann fahren wir zusammen U-Bahn und erregen Aufsehen. Aber nur ein ganz kleines bißchen. Das letzte Stück müssen wir wieder laufen. Es regnet immer noch, aber es ist trotzdem warm. Es riecht nach nasser Sommerstadt. Fast möchte ich meine Schuhe ausziehen und auf den Pflastersteinen der Tageswärme nachspüren. In einer Eckkneipe freut sich eine Menschentraube über Bier und Bionade und auf den Feiertag. Vom Inder nebenan wehen Gerüche herüber, die Erinnerungen wecken. Aber nur eine leise Sehnsucht. Da merke ich, durchnässt und mit einem großen Brett unterm Arm mitten auf der Straße stehend, dass ich angekommen bin. Da, wo ich hinwollte.
Vor lauter Freude darüber trägt sich Aspelunds Flanke ganz leicht. Trotzdem bringen wir uns in der Postbank-Filiale noch in eine peinliche Situation, nämlich eingekeilt zwischen Geldautomat und Tür. Es geht nicht weiter. Ein blondierter Anzugträger, so ein sympathischer Mitte-Schnösel, hilft uns aus der Patsche. “Gerade eingezogen?” fragt er, ich nicke. Er: “Na dann einen schönen Feiertag. Und willkommen in Berlin. Sie mit ihrem Brett.”







